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THEMA: Cicci II - Ende

Cicci II - Ende 13 Feb 2018 11:13 #1

Die nervöse Cicci war fast immer in Bewegung, wenn sie zu Hause war. Ständig wurde sie aufgescheucht, wurde hierhin und dorthin geschickt oder gerufen. Nur wenn sie eine gewisse Zeit bei uns zubrachte, bei mir und meiner Mutter, beruhigte sie sich, aber erst, nach Absolvierung des immer gleichen Rituals. Als ich einmal gerade mit Cicci in die Küche kam, als meine Mutter dabei war, die zusammengefegten Brösel, die es dort meistens gibt, mit dem Handbesen auf die kleine Schaufel zu laden, sind Mama und ich ziemlich zusammengefahren vor Schreck. Mit einem hässigen Geknurre stürzte sich Cicci auf diesen Handwischer und riss ihn Mutter mit einer solchen Wucht aus der Hand, die man diesem kleinen Geschöpf gar nicht zugetraut hätte .Wir liessen Cicci gewähren, und als der Sturm vorüber war versorgte Mama den Handbesen in dem eingebauten Schrankteil, das für die Putzutensilien bestimmt war. Von da an schnellte Cicci als erstes immer zu diesem Schrank hin, sobald sie unsere Wohnung betrat, setzte sich davor, drehte das Köpfchen nach links und nach rechts, und nach wenigen Augenblicken fing sie an zu jaul-heulen, immer aufdringlicher, bis man ihr den Handbesen herausholte. Den packte sie dann und schüttelte ihn so heftig, als wär‘s der grösste Feind. Und knurrte dazu in allen Tonarten. Danach liess sie den „Feind“ befriedigt zu Boden fallen und der Besen war wieder ein lebloses Stück Holz mit Borsten.

Das wiederholte sich immer am Samstag Abend so gegen acht Uhr Denn dann brachte mir Lupy, der Cicci immer mitnahm wenn er zu Hause war, eine grosse Tüte mit noch ofenwarmen Brötchen. Brot, das war ein Kapitel für sich in jenen Jahren, und wenn ich diese Sorte Brötchen heute irgendwo sehe, muss ich an Cicci und ihren Feind, den Handbesen denken.

Die Versorgungslage der Schweiz mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln war teilweise sehr prekär. Mehl war Mangelware. Brot gab es sehr wenig. Manchmal nur 150 Gramm pro Person und Tag, weniger, als in den kriegführenden Ländern. Besonders schwer wurden die Italiener von diesem Umstand betroffen; sie waren und sind ein Volk von grossen Brotessern. Und das, was an manchen Orten gebacken und verkauft wurde, verdiente die Bezeichnung Brot kaum noch. Es wurde verfügt, dass Kartoffeln unter den Teig gemengt werden müssen. War ein Bäcker profitgierig und nachlässig dazu, waren oft ganze Kartoffelstücke auszumachen die grünlich schimmerten und halb schon Fäden zogen. Das Brot wurde trotzdem gegessen; man hatte ja immer Hunger. Am meisten von uns litt mein Vater unter diesem Mangel und meine Mutter verzichtete oft fast auf ihren ganzen Anteil.

Diese noch warmen Brötchen, die wir am Samstagabend entgegen nehmen durften, waren uns fast heilig und Mama hatte dabei oft Tränen in den Augen. Und bevor sie eines ass, hielt sie es vor sich hin, roch lange und genüsslich daran , um den eigentlichen Höhepunkt des Verzehrens hinauszuzögern. „Mmmmh,mmmmh“, schwelgte sie, bevor sie andächtig, Bissen um Bissen davon abbrach.

Während dieser schlechten Brot-Zeiten organisierte Babbo erstmals einen Sack Mehl. Weissmehl, notabene, und nicht dieses weissgraue, grobe Mehl, in dem weiss Gott was mit hineinvermahlen wurde. Nicht zu vergleichen mit heutigem Vollkorn oder sonstigem Ruchmehl. Es schmeckte teilweise wie Sägemehl und so sah es auch aus. Das Haus, in dem Cicci’s Familie zu jenem Zeitpunkt gerade wohnte, war ziemlich im Zentrum der Stadt, an einer Treppengasse gelegen. Unterhalb dieser Treppe verlief ein enges, gebogenes Gässchen, und die Backstube einer Bäckerei-Konditorei war durch eine kleine und schmale Türe zu erreichen. Altstadthäuser eben, verwinkelt und krumm. Babbo übergab dem Bäcker seinen Sack Weissmehl und dieser übernahm den Auftrag, jeden Samstag Abend ungefähr sechzig „Micchette“ zu backen. Als Dauerauftrag, so lange das Mehl reiche. Für Nachschub werde dann schon gesorgt. Der Bäcker war ein kleiner, dicker Mann, und wenn er gut aufgelegt war, nannte er die Micchette „gekreuzte Brötchen“, weil sie zwei Zipfel hatten, die quer übereinaner gerollt wurden. Waren diese Brötchen am Samstag Abend, wenn niemand mehr von den Angestellten da war, fertig gebacken, schlüpfte er zur Backstubentüre hinaus, läutete an Babbo’s Glocke und huschte wieder zu seinem Hintereingang. Sobald jemand von der Familie den Kopf zum Fenster herausstreckte, legte er seine Handgelenke übereinander, was bedeutete, dass die „gekreuzten Brötchen“ fertig seien. Diese Geste sah aus wie wenn er Handschellen getragen hätte, und das hätte ja dabei auch fast passieren können. Der verräterische und verführerische Duft des frischen Brotes, der zuerst eine Weile zwischen Gässchen, Treppenstufen und Häusern stagnierte, zog langsam hoch, wie durch einen breiten, steinernen Kamin, der am oberen Ende durch eine überdimensionierte efeubedeckte Wand abgeschlossen war, welche die Häuser und Gassen gegen den Bezirk des Untersuchungsgefängnisses hin, abschloss.

Später, als auch diese Wohnung wieder verlassen wurde und sich die Freundes Familie am Rande der Stadt niederliess, diente unsere der Bäckerei nahe gelegene Behausung als Zwischenhalt, damit die Brötchen, die in einem Koffer transportiert wurden, auskühlen konnten. Autofahren war nicht möglich, da der Treibstoff für private Zwecke nicht zur Verfügung stand. Und im öffentlichen Verkehrsmittel duftete der Kofferinhalt dermassen stark, dass die Leute anfingen zu schnuppern und begehrlich zu blicken.

Die Zeit verging, die Feindseligkeiten rings um unser Land näherten sich zuerst unserer Grenze im Norden, dann wurden sie endlich eingestellt. Alles änderte sich stetig. Man konnte wieder an Ferien im Ausland denken. Für die Italiener bedeutete dies, Ferien in der Heimat. Babbo’s Geschäfte liefen zwar gut wie immer, aber er schien bedrückt und niemand wusste weshalb. Dann fiel Cicci einem Giftanschlag zum Opfer, auf Hunde im allgmeinen, nicht nur auf sie. Die Stimmung wurde immer gedrückter im Hause meines Freundes. Babbo fing an, auf sogenannte „Zeichen“ zu achten. Alles schien für ihn eine negative Bedeutung anzunehmen. Wenn er Kerzen auf seinem kleinen Hausaltar entzündete, und eine davon anfing zu flackern, war das für ihn ein schlechtes Zeichen. Er telefonierte immer öfter, ich solle kommen, er habe Arbeit für mich. Diese Arbeit bestand darin, dass ich ihm die Horoskope aus deutschen Zeitungen und Heften auf italienisch übersetzen musste. Als wir die Kirche eines Wallfahrtsortes besuchten, wohin wir ihn begleiten mussten, war dort vorne, im Mittelgang des Kirchenschiffes, ein Sarg aufgebahrt. Er erschrak heftig und murmelte ein paar Mal vor sich hin: „Schlechtes Zeichen, schlechtes Zeichen“

Dann wollte er unbedingt eine grössere Geldsumme für das Kloster, zu dem die Kirche gehörte, hinterlassen. Trotz des eigentlich niederdrückenden Momentes: Jedesmal, wenn mir diese Szenen durch den Sinn gehen, kann ich mich des Lächelns nicht enthalten.... alles ist ja auch schon mehr als fünfzig Jahre her.

Babbo fragte mich also, wie und wo man eine solche Spende abgeben könne. Das wusste ich. Ich wusste aber auch, dass Frauen nur bis zu einer gewissen Grenze Zutritt zum Kloster selbst hatten. Ich anerbot mich also, ihm den Weg zu zeigen. Wie gut, dass ich meinen Vater jedesmal mit Fragen plagte, wenn wir von der jährlichen Wallfahrt der Italiener wieder zu Hause waren. Denn er wurde jeweilen, zusammen mit dem Konsul und andern Vertretern der italienischen Regierung, nach den kirchlichen Feierlichkeiten von den Mönchen zu einem kleinen Empfang ins Kloster eingeladen. Das „Volk“ verteilte sich inzwischen auf die verschiedenen Gaststätten der kleinen Ortschaft. Die Männer meist dorthin, wo sie auch ein Glas Wein bestellen konnten, Mama und ich, mit vielen andern bekannten Frauen der Kolonie, begaben uns zu der Gaststätte der Nonnen, am Ende der Ortschaft. Die führten dort ein alkoholfreies Haus, und da es Ende September war, freuten wir uns schon zu Hause auf die herrlichen Zwetschenkuchen, die von den Schwestern gebacken wurden. Meist waren sie noch heiss, kamen direkt aus dem Ofen, da die Küche für gewöhnlich nicht mit solch grossem Andrang an zu rechnen hatte und dafür auch nicht eingerichtet war. Die Nonnen kamen kaum nach mit auftragen. Diese Zwischenverpflegung war nötig, denn der Abstieg zur Talstation der kleinen Bahn zog sich hin, und bis man weder zu Hause war verging ebenfalls viel Zeit.

Ich führte also Babbo nach vorne gegen den Hauptaltar zu und schwenkte vorher nach rechts ab, um nicht direkt am aufgestellten Sarg vorbeizukommen, damit er nicht noch mehr erschrecken sollte. Auf der rechten Seite war, hinter einem kleinen Nebenaltar, eine Tür verborgen. Daneben, wie ein Lichtschalter. Auf Augenhöhe, ein runder, schwarzer Klingelknopf. Den drückte ich und hörte, wie es hinter der kleinen Türe, in der Ferne, schepperte wie ein alter, rasselnder Wecker. Einige Minuten verstrichen während wir wartend da standen. Dann näherten sich Schritte, die Türe wurde aufgeschlossen und in ihrem Rahmen erschien ein Benediktiner Pater. Ich erklärte ihm, weshalb wir gekommen seien und der Pater bat uns in die grosse Halle hinter dieser engen Türe, denn bis dorthin durften auch Frauen das Klostergelände betreten. Wir traten auf bräunliche, glänzende Fliesen und man roch, dass sie erst vor kurzem gereinigt worden waren, der strenge Duft von Desinfektionsmittel, so kam es mir vor, lag noch immer in der Luft. Ein paar schöne geschnitzte Holzbänke standen an den Wänden verteilt, und ich erinnere mich auch an einen grossen dunkeln Schrank, der ebenfalls mit Schnitzereien verziert war.

Der Pater war ungefähr so gross wie Babbo, und er hatte auch den gleichen Körperbau, soviel man trotz des langen Gewandes sehen konnte. Ersterer zog nun ein Couvert aus der Kitteltasche, gab es mir, damit ich es dem Pater übergäbe; ich solle sagen, es sei eine Spende. Ich dolmetschte. Aber nun wollte der geistliche Herr wissen, für was diese Spende gedacht sei. Egal, musste ich antworten; einfach eine Spende. Wieder erkundigte sich der Mönch, ob er dafür Messen lesen lassen solle. Dazu nickte Babbo eifrig: „Ja, ja, Messen!“ Für wen er denn diese Messen zelebrieren lassen solle? Ob er einen Namen angeben wolle? „Nein, einfach so!“ war Babbo’s Antwort auch diesmal. Der Pater hörte auf zu fragen, öffnete den Umschlag ein wenig, zupfte am Geldschein und zuckte überrascht zurück. Dann steckte er das Couvert in den weiten Aermel des Gewandes, behielt die Hand ebenfalls dort und versorgte auch die andere Hand im Aermel. Er trat einen kleinen Schritt zurück und verbeugte sich, sagte leise Dankeschön. Auch Babbo trat einen Schritt zurück, verbeugte sich ebenfalls, sagte „Ich danke Ihnen“. Das gleiche wiederholte sich noch ein paar Mal, der Abstand zwischen den beiden Männern, die sich gegenseitig vor einander verbeugten, wurde grösser, bis wir wieder bei der kleinen Tür angelangt waren. Dann öffneten wir sie und traten wieder in den hohen, reich verzierten Kirchenraum ein, wo Mamma und Lupy auf uns warteten.
Es ging gegen den Sommer zu und eine Verwandte der Familie machte ein paar Tage Aufenthalt und wurde beherbergt, samt Mann Tochter und kleinem Sohn, auf der Heimreise von Italien her. Immer wenn diese sich anmeldeten, drehte sich das Gespräch um Geld: um Darlehen, die Babbo diesen Leuten geben sollte für ihr Geschäft. Da aber nie eine versprochene Rückzahlung eintraf, versuchten alle, einem erneuten Gesuch auszuweichen. Da sich alle während der Dauer des Krieges nicht gesehen hatte, staunte Lupy nicht schlecht, wie sich die kleine Tochter in eine hübsche, dunkelhaarige und robuste junge Frau verwandelt hatte. Das pure Gegenteil von mir, da ich schlank und blond war. Es schien ganz zünftig zu funken zwischen ihnen. Und ich stand daneben, war plötzlich überall das fünfte Rad am Wagen. Babbo versuchte, mich so gut als möglich zu schützen; er schickte Lupy mit mir weg, gab ihm genügend Geld, damit wie einen grossen Ausflug unternehmen sollten, denn man hatte wieder Autos zur Verfügung. Diese Verwandten mussten aber wohl oder übel wieder nach Hause zurückkehren, und die Situation schien sich – für mich wenigstens – wieder beruhigt zu haben.

Dann, eines frühen und traurigen Morgens hat Babbo seinem Leben ein freiwilliges Ende gesetzt – eben erst fünfzig Jahre alt geworden.

Und natürlich stand schon kurz danach die ganze „Geldverwandtschaft“ wieder da, zur Beerdigung. Kein Babbo konnte mich mehr schützen. Die Tochter wurde Lupy regelrecht angeboten, er sollte sie kompromitieren. Damals galten solche Ansichten noch. Er war ja jetzt Miterbe eines grösseren Vermögens…. Lupy tappte blind und verliebt in die Falle. Dies weiss ich von ihm selber, denn er versuchte, als er es bemerkte, daraus auszubrechen, fragte mich, was er denn nur tun könnte. Ich war todtraurig aber stolz. Ich brachte es fertig, zu antworten, dass er sich die Suppe selber eingbrockt habe und sie nun auch auslöffeln müsse. Die Zeit danach war für mich sehr schwer, aber sie war auch eine der wichtigsten Erfahrungen, meines bisherigen Lebens. Die veränderten Verhältnisse musste ich akzeptieren und ich wollte nicht hassen, weder Lupy, noch seine Frau, denn die Familie hat auf eine umgehende Heirat gedrängt. Leicht ist es mir zuerst nicht gefallen, aber sehr bald hat sich auch für mich etwas verändert.

Ich habe vollständig verziehen und dies ist diese wichtige Erfahrung die ich dabei machte. Wir sind dadurch Freunde geblieben. Lupy’s Besuche in unserer Stadt galten ab dann nicht nur seiner eigenen Familie, sondern auch der meinigen. Als seine Mutter starb, begleitete ihn seine Frau nicht, die Ehe ging nicht sonderlich gut. Aber er bat mich, am traurigen Anlass teilzunehmen, hielt mich am Grabe zurück, bis alle vorausgegangen waren und meinte ganz traurig: „Hier möchte ich auch begraben werden“. Er wisse, dass er auf dem fremden Friedhof, hoch über seiner neuen Heimatstadt, einmal ganz einsam liegen werde, denn schon jetzt sei er der einzige, der das Grab seiner Schwiegereltern besuche.

Diese ganze Geschichte ist vor meinem geistigen Auge wieder lebendig geworden, als ich von der nervösen Cicci berichten wollte. Alles steht vor mir, als wäre es erst gestern geschehen. Und da ich viel und oft an meine eigenen Hunde denke und mir vorstelle, dass sie zusammen auf einer grünen Wiese miteinander spielen, wird in meiner Erinnerung auch Cicci mit dabei sein.

Erica Zet

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