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THEMA: Cicci - Fortsetzung II

Cicci - Fortsetzung II 11 Feb 2018 02:01 #1

Die Cicci war aber nicht der erste Hund in der Familie von Babbo. Seit er sein eigentliches, handwerkliches Métier, mit dem er sich selbständig gemacht hatte nicht mehr ausübte, bestand seine Arbeit nun aus dem An-und Verkauf von Liegenschaften. Diese Häuser, die teilweise noch so gebaut waren, dass sie weder Toilette in der Wohnung – die war im Zwischenabsatz der Stockwerke – geschweige denn ein Badezimmer hatten, renovierte er. Teilweise liess er arbeiten, legte aber immer auch selbst mit Hand an. Und auch Lupy musste, während der Zeit die er zwischen seinen Militäreinsätzen zu Hause war, tüchtig mit Hand anlegen. Und das war nicht so oft, wie sein Vater und ich es uns gewünscht hätten. Da er im August 1939 gerade die Rekrutenschule hinter sich gebracht hatte, brach in den ersten Septembertagen der Krieg aus, und so musste er gerade drei weitere Monate anhängen. Und so ging das weiter, einige Wochen zu Hause, dann wieder Dienst, bis in den Sommer 1945.

Aber ich komme zurück zum grossen Schäferhund den Babbo vor Cicci hatte. Die Familie wohnte damals in einem Vorort der Stadt, in einem weissen, alleinstehenden Haus mit grossem Garten drumherum Auf der Frontseite, in schönen geschwungenen schwarzen Buchstaben prangte die Schrift: VILLA ROSA. Diese Villa Rosa behielt Babbo noch lange für sich und seine Familie, auch wenn das Haus manchmal leer stand. Denn in jedem Haus das er gerade renovierte, wohnte er auch zumeist. Mehr als einmal meinte Lupy zu mir, er käme sich vor wie ein Zigeuner, und bevor er in Urlaub komme, müsse er jedesmal zuerst per Telefon fragen, wohin er denn vom Bahnhof aus gehen müsse. War ein Haus dann mit allen Neuerungen versehen die damals von den Leuten von einem wohnlichen Zuhause erwartet wurden, so verkaufte er dieses Haus wieder. Mit Profit, versteht sich. Und bis wieder etwas Neues an die Reihe kam, wohnten wieder alle in der Villa Rosa.

Durch das Grundstück fliesst ein kleines Bächlein, schmal und seicht, und daher kaufte Babbo ein paar Enten. Die hatten es dort schön, legten sogar Eier, und aus diesen machte die Mamma dann und wann Nudeln, schöne, breite „Tagliatelle“. Nie waren diese Nudeln ganz exakt gleich breit, da das ausgewallte, dünne Teigblatt nach dem Trocknen aufgerollt und von Hand geschnitten wurde. Aber man merkte sofort, welche Eier verarbeitet wurden, die Enteneier färbten den Teig dunkler als Hühnereier. Die Entlein der Villa Rosa hatten einen guten Platz, genügend Land zum Watscheln und ein Bächlein zum Schwimmen.

Wenn da nur Fido, der grosse Schäferhund nicht gewesen wäre! Sobald er draussen war und sah, dass im Bach etwas schwaderte, sprang er hurtig hinzu, setzte behutsam Pfote um Pfote ins Wasser, fasste vorsichtig mit den Fangzähnen unter das Gefieder und lupfte die Ente aufs Bachbord zurück. Als mein Freund Lupy, den ich aber damals noch nicht so nannte, mir dies erzählte, glaubte ich es erst, als ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Enten wehrte sich nicht einmal mehr; sie hatten sich daran gewöhnt und wackelten einfach wieder zurück in den Bach. Und sobald Fido gesehen hatte, dass sie nicht ertrunken war, schien auch er zufrieden. Die Räumlichkeiten der Villa Rosa habe ich nie gesehen. Dort hinaus ging ich nur in der schönen, warmen Jahreszeit dann und wann. Der Weg war weit, aber im Sommer war es herrlich, sich im Garten aufhalten zu können.

Meinen Freund sah ich in diesen „Zwischen-Wohnzeiten“ in der Schule, das heisst, an den Tagen, da wir in den Schweizer Schulen frei hatten. An diesen Nachmittagen
musste ich, wie auch viele andere Kinder von Italienern, in die Lektionen gehen, die speziell für uns eingerichtet worden waren. Damit wir die Sprache unserer Eltern auch schreiben und korrekt sprechen lernten. Die meisten der italienischen Eltern in jenen Jahren hatten dazu weder die Zeit noch genügend Vorbildung. Dieser „Doposcuola“ nach der Schule, wurde in der katholischen italienischen Mission abgehalten. Dorthin schickte ein Kloster aus Piemont in Italien seine Schwestern um die Mission zu führen, abwechslungweise, immer nur für ein paar Jahre. Eine sogenannte Küchenschwester war da immer dabei, die für das leibliche Wohl aller verantwortlich war, sowie Lehrerinnen – unsere maestre – und eine Suor Direttrice. Nebst der Schule waren sie auch für alles andere verantwortlich: für das Vorbereiten der Gottesdienste, verschiedener Feierlichkeiten während der kirchlichen Festtage, und nebenbei boten sie auch Schlafmöglichkeiten an für Emigranten, die mittellos in Basel hängen geblieben waren, bis ihre Lage durch die Behörden abgeklärt wurde. Die Oberleitung der Mission aber hatte der Pfarrer als Signor Direttore. Lustigerweise wurde er von fast allen so angesprochen, nicht nur von uns Schülern, auch für deren Eltern war er zumeist der Herr Direktor.

Der Pfarrer kannte fast alle Italiener der damaligen italienischen Kolonie persönlich. So war er auch meist die Anlaufstelle für delikate, familiäre Angelegenheiten. Die Leute holten sich erst einmal Rat auf dem Konsulat. Wenn es um Geschäftliches, oder um offene Fragen gegenüber den Schweizer Behörden ging, war mein Vater ihre Anlaufstelle. Auch er kannte fast alle seine Landsleute, sowie auch die schweizerischen Amtsstellen und deren Chefs, die für Ausländerfragen zuständig waren. Dies ist auch heute noch das Kontrollbüro, das zum Polizeidepartement gehört. Handelte es sich aber um familiäre Dinge, dann schickte er sie zum Pfarrer, nach seiner Devise: „Fra moglie e marito non mettere il dito“, was soviel bedeutet, wie sich nicht in Dinge zwischen Eheleuten einzumischen. Daran hat sich mein Vater sein ganzes Leben lang gehalten.

Mit diesem Pfarrer, dem Signor Direttore, dem aber auch einige ganz einfach „Don Luera“ sagten, denn so hiess er wirklich – das Don ist Attribut eines jeden Pfarrers in Italien - war Babbo ziemlich befreundet. Mit allem nötigen Respekt, selbstverständlich. Don Luera bewohnte den hinteren Teil des Missionshauses, den mit einer riesigen glasüberdachten Veranda. Der pfarrherrliche Haushalt wurde von einer Cousine des Don Luera geführt, und niemand hat je herausbekommen, wie diese Dame selber hiess. Jedermann nannte sie nur „la Signorina“. Sie war ziemlich übergewichtig und mit einer grossen Oberweite gesegnet. Zwar tuschelten alle hinter der vorgehaltenen Hand, diese „Perpetua“ sei wohl nicht nur die Cousine. Abwechslungsweise wurde von ihr auch als Perpetua gesprochen, nach der Pfarr-Haushälterin im dicken Roman von Alessandro Manzoni: „I promessi sposi“ – die Verlobten. Nach diesem Roman wurde in späteren Jahren dann auch ein Film gedreht.

Die Pfarrs-Cousine hatte einen Hund. Niemand konnte genau sagen, wie man diese Rasse nennt, vermutlich war seine Abstammung nicht ohne Fehl. Er sah aus wie ein mittelgrosser deutscher Vorstehhund. Derbes Fell, weiss, mit schwarzen, braunen und milchkaffeefarbenen Platten. Kurze, krumme Beine mit dicken Pfoten. Lampende, lange Ohren und einem Blick, der so treuherzig, so vertrauensvoll war, wie man es sich kaum vorstellen kann.

Febo war stets irgendwo auf dem Flur zu den Schulräumen, wenn wir angetrabt kamen, immer in der Erwartung, irgendwo von irgendwem ein Stückchen Schokolade zu ergatten. Wir nutzten natürlich die Begegnung mit ihm weidlich aus, um ein paar Minuten von der uns erwartenden Schulstunde abzuzwacken. Doch meist kam prompt la Signorina aus dem langen, dunkeln Gang hervor, der zur Pfarrwohnung gehörte: „qua Febo, qua“ rief sie ihren Liebling zu sich. Der trottete folgsam auf sie zu, währenddem sie sich nach vorne beugte, wobei ihr schwerer Busen ebenfalls nach vorne hing. Febo stellte sich auf die Hinterbeine und stützte sich auf diesem grossen, weichen Vorsprung ab und lauschte andächtig, wie es schien, der Stimme seiner Herrin. Ganz oval nach unten zu wurden seine ernst blickenden Augen, und man konnte, neben dem Weiss, auch noch den Teil des Lides, rosafarben und feucht sehen, in dem der Augapfel steckte. Diese flüsterte weiter auf ihn ein, aber da ich sehr gute Ohren hatte, hörte ich genau, wie sie stets wiederholte: „Amore della tua zia, nè, Febo? – Amore di zia!“ Ja, er war wirklich der Liebling, auch wir alle hatten ihn gern. Meist aber machte irgend einer von den Jungs, bevor wir in die Schulstube schlüpften, noch schnell diese oder eine ähnliche Bemerkung: „Ach wär das schön, wenn ich jetzt, anstatt Febo, mich dort so aufstützen könnte!“ Alle lachten, auch wir Mädchen, nur di Signorina schaute fragend; sie verstand kein deutsch!

Babbo war fast immer und in jeder Beziehung grosszügig. So landete auch meist ein grösseres Geldstück, oder gar ein Geldschein im Körbchen, mit dem der Messdiener während der Wandlung durch die Stuhlreihen schlüpfte um die Almosen einzusammeln. Mich störte dieser Umstand stets und ich begriff nie, weshalb dieses Geldgeklapper just im für mich damals „heiligsten“ Moment stattfinden musste. Unwillkürlich dachte ich dabei jedesmal an die Vertreibung der Händler aus dem Tempel durch Jesus. Auch wenn grössere Arbeiten für die Mission anstanden, klopfte Don Luera nie vergeblich bei Babbo an. So kam es, dass sich da eine ziemlich ungewöhnliche Freundschaft entwickelte und der Pfarrer, samt Cousine und Febo, wurden oft zu einer Spazierfahrt mit dem Auto eingeladen.

Babbo hatte schon seit etlichen Jahren eine jener rechteckigen kistenförmigen Fiat, mit Platz für sechs Personen. Zwar war diese Teufelskarre, wenn man ihm glauben wollte, mehr in der Werkstatt als auf der Strasse. Es verging fast keine Woche, ohne dass ich hörte, Babbo habe mit dem Werkstattinhaber, auch einem Italiener, so laut herumgebrüllt, dass die Leute auf der Strasse meinten, in der Garage passiere Mord und Totschlag und ob es nicht nötig wäre, die Polizei zu rufen. Nach einer Viertelstunde Gebrüll und Händeverwerfen auf beiden Seiten trennten sich jedoch die beiden wieder so friedlich wie zuvor. Der Garagist, der Mann der kaum einen Nagel von einer Schraube unterscheiden konnte, so hörte ich Babbo oft behaupten, wurde dann Lupy’s Lehrmeister, weil er der beste Mechaniker weit und breit sei.

Febo, der Pfarrershund, der bei den Ausflügen immer dabei war, hatte grossen Gefallen am Fahren. Und so oft die Signorina mit ihm Gassi ging, musste sie höllisch aufpassen, dass sie nicht an einem Auto vorbei kam, bei dem eine Türe offen stand. Schwupps, war Febo im Gefährt verschwunden und fing an, sich auf dem Sitz zurecht zu drehen, so wie es Hunde meist tun. Dann hatte sie alle Mühe, ihn da wieder herauszulotsen. Febo wollte und wollte einfach nicht. Deshalb musste sie auch immer etwas Schokolade dabei haben, anders wäre es ihr nicht gelungen, diesen autoverrückten Hund zum Aussteigen zu bewegen. Da nutzte es nichts, nur zu sagen, dass ist nicht dein Auto und auch nicht das deines Freundes! Und wenn sie es noch so oft in ihrem Turiner Dialekt wiederholte, der fast wie französisch klingt.

Als Revanche für diese Auflüge lud der Pfarrer dann und wann Babbo und seine Familie zu einer „merenda“ einem gemütlichen Zusammensitzen gegen fünf Uhr abends ein. Meist an einem Samstag. Gedeckt wurde die Tafel dann in der geräumigen Veranda, in der eine ganze Schulklasse bequem Platz fand. Serviert wurde im Sommer fast immer Rohschinken mit eisgekühlter Melone, italienischem Brot und einem ausgezeichneten Tropfen. „Messwein“ sagte Babbo oftmals, und wenn ich das meinem Vater erzählte, meinte der stets, wenn man guten Wein trinken wolle, so müsse man sowieso zu den Mönchen ins Kloster. Erstens seinen die meisten Klöster in den schönsten und besten Landschaften erbaut worden, zweitens verstünden die Mönche etwas vom guten Essen und Trinken.

Aber auch wir Schüler wurden oft in diese Veranda eingeladen, allerdings nicht zum Messwein, jedoch zu einer „cioccolata“. Wir nennen es hier Kakao oder Schokoladenkaffee. So zum Beispiel wenn das Schuljahr zu Ende war, oder anlässlich von Erstkommunion-Feiern oder sonstigen kirchlichen Feiertagen. Da wurden alle bewirtet und die Schwestern kamen fast nicht nach mit Händeschütteln und Fragen der Eltern beantworten. Aus diesem grossen Stimmenwirrwarr tönte immer wieder ein „grazie madre“,oder „sono molto onorata, madre“ hervor, denn die „suore“, die Schwestern, die sich um das leibliche Wohl der Gäste kümmerten, wurden durchwegs von den Frauen und Männern, die fast ausnahmslos aus Oberitalien emigriert waren, mit Mutter angeredet, so wie es in den heimatlichen Dörfern der Brauch war. Nicht selten habe ich sogar die eine oder andere Mutter einer Mitschülerin knicksen sehen, währenddem der Vater eine linkische Verbeugung andeutete. Und über allem wachte das aufmerksame Auge der „Direttrice“ unserer Lehrerin. Sie war eine grosse, schlanke Frau, der das religiöse Gewand sehr gut stand.Ihr ganzes Aussehen und Gebahren liess auf eine vornehme Herkunft schliessen. In Italien war sie etliche Jahre als Gymnasiallehrerin tätig gewesen, bevor das Mutterhaus sie ins Ausland schickte.

Dann kam, ziemlich unerwartet, aus Italien die Weisung, dass die Schwestern der Missione keine Schule mehr geben dürfen. Der Staat hatte schon seit einiger Zeit eine eigene Schule eröffnet, und er wollte alle Italienerkinder unter seinen Fittichen haben. Damals war ich ungefähr fünfzehn Jahre alt. Viele meiner Mitschüler, wir waren einige Jahrgänge zusammen gewürfelt,hatten schon vorher aufgehört, weil sie zu arbeiten angefangen hatten, andere waren froh, aufhören zu können bei den „Betschwestern“ wie sie sagten. Sie gingen lieber in die staatliche Schule, wo Singen, Turnen, Marschieren und Sonstiges an der Tagesordnung war. Gelockt wurden sie auch mit Brötchen und Schokolade in der Pause.

Doch die Direktorin zeigte Mut. Wer wollte, konnte im geheimen weiterrmachen. In einem Zwischenstock der Missione, angeklebt auf die Gartenseite hinaus wie ein Schwalbennest und wo man von der Strasse gar nicht hinsehen konnte. war ein kleines Zimmerchen, ohne Fenster, nur mit einer Dachluke. Ein winziger Sekretär, ein viereckiger Tisch und sechs Stühle waren das ganze Mobiliar. Dort versammelten wir uns regelmässig zum Weiterlernen. Zusammen mit mir noch drei weitere Mädchen und mein Freund Lupy. Bis in die Kriegsjahre hinein sind wir dieser strengen aber gerechten und ausgezeichneten Lehrerin treu geblieben, wir Mädchen, denn auch mein Freund musste wegen ständiger Abwesenheit aufgeben.Riskieren musste niemand etwas dabei, auch wenn wir wie Verschwörer im Versteckten zusammen kamen. Das grösste Risiko trug ich, nicht für mich, für meinen Vater. Denn er gestattete mir die Fortsetzung der Lektionen, trotzdem er als Beamter des Konsulates damit gegen seine Regierung handelte. Aber er war eher dem Hause Savoien verpflichtet, dem König Viktor Emanuel III. Und der hatte es mit seinem Regierungschef sowieso nicht leicht. Wir bedauerten ihn immer, denn wir hatten das Gefühl, er habe überhaupt nichts zu sagen, trotzdem an den Festen, welche von der italienischen Kolonie gefeiert wurden, als erstes immer der Königs-Marsch gespielt wurde. Mein Vater hatte ja auch seine Auszeichnung durch das Haus Savoien erhalten, als „Cavaliere“ Ritter der Krone von Italien.

Nur ich hatte ein Doppelpensum. Damit das nicht auffiel, musste ich von nun an auch die Staatliche italienische Schule besuchen, aber da die meisten Stunden abends gegeben wurden weil viele unterdessen angefangen hatten, zu arbeiten und tagsüber sowieso keine Zeit gehabt hätten, war das nicht weiter schlimm. Zu büffeln gab es für mich nichts, denn aus diesen primitiven Lehrbüchern erfuhr ich nichts Neues. Es gab mir im Gegenteil Gelegenheit, auch abends ausser Haus zu gehen, was ich sonst nie gedurft hätte. Die „Last“ der Schule war für ein 15jähriges Mädchen schon nicht ganz gewöhnlich: Am Tage war ich mit Vollpensum in der Handelsschule, am Mittwoch und oft auch am Samstag Nachmittag in der Missione, und abends zweimal pro Woche in der Staatsschule. - Aber ich war jung, hatte viele nette Freundinnen und Freunde, und das Leben war trotz Schule interessant und schön.


Erica Zet

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