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THEMA: REITSTUNDE

REITSTUNDE 04 Feb 2018 18:54 #1

Die Reitstunde.

Manchmal, wenn ich nach dem Essen gemütlich mit meinem Mann beim Espresso sitze, ohne den für mich eine Mahlzeit - und sei sie noch so bescheiden – einfach „unfertig“ ist, braucht es vielleicht nur ein Wort, um die Erinnerung an eine längst vergangene Begebenheit aufleben zu lassen. So hat mir ein lieber Bekannter kürzlich per E-Mail die Foto seines Pferdes Faruk gesandt, auf dem er selber, zusammen mit seinem vierjährigen Grossneffen, sitzt. Erste Reitstunde hat er es übertitelt. Und als ich meinem Mann sagte, er solle sich diese Foto dann auch anschauen, kam mir urplötzlich meine erste Begegnung mit einem Pferderücken in den Sinn. Rühmlich für mich hat sie nicht geendet, diese meine erste Reitstunde, die nicht einmal im Freien, sondern im Pferdestall, stattfand.

Etwas über sechs Jahre war ich alt zu der Zeit. Regelmässig, am Mittwoch Nachmittag, nahm Mama mich mit, wenn sie sich mit ihren Schwestern auf dem Bauernhof traf, der von ihren zum Teil noch ledigen Brüdern bewirtschaftet wurde. Er lag nicht weit entfernt von der Strasse, in der wir wohnten. Damals war die Stadt noch von etlichen Bauerngütern umgeben. Derjenige meiner Verwandten lag an der Ausfallstrasse nach Frankreich. Und fünfhundert Meter nach diesem Hof tauchte bereits der Zollposten auf, der den Verkehr mit dem angrenzenden Elsass überwachte. Viel zu kontrollieren gab es damals aber auch noch nicht. Diejenigen, die diese Strasse hauptsächlich mit Pferdefuhrwerken befuhren, waren die Bauern, die teilweise ihre Felder nahe der Grenze hatten. Ansonsten kamen da am morgen früh die Bauernfrauen mit ihren Handwagen über den Zoll. In der Gegend des Hauses, das wir bewohnten, verteilten sie sich dann in fast alle Quartiere der Stadt, um das frischgeerntete Gemüse, das auf ihren Feldern wuchs, zu verkaufen. Das ist sogar heute noch so, nur dass die Gemüsefrauen nun mit kleinen Camionetten kommen und nicht mehr zu Fuss. Da ich bereits die erste Primalschul-Klasse besuchte, war der Mittwoch Nachmittag der einzige unter der Woche, an dem ich schulfrei hatte. Und darauf nahmen sogar meine gestrengen Tanten, ihrer Schwester zuliebe, Rücksicht.

Ich freute mich immer auf diese Besuchsnachmittage, die eigentlich der kranken, bettlägerigen Grossmama galten. Aber trotzdem die Schwestern sich meist am Bett ihrer Mutter aufhielten, liess die anfänglich zur Schau getragene Fürsorglichkeit der Kranken gegenüber langsam nach, und das Gespäch nahm Wendungen hin zu Erörterungen, die in der damaligen Zeit – für Kinderohren – höchst unzumutbar waren. Also schickte man mich dann hinaus, zum Beispiel mit der Aufforderung, mich im Zählen zu üben, indem ich beauftragt wurde, herauszubekommen, wieviele Kaninchenohren in den kleinen Ställen meines Onkels Louis versammelt wären. Es seien bestimmt über deren hundert, was bedeutete, dass Onkel Louis ungefähr fünfzig dieser niedlichen kleinen mümmelden Hasentiere besass. Trotzdem ich merkte, weshalb man mich wegschickte und ich eigentlich gern Mäuschen gespielt hätte, war ich trotzdem sofort bereit, das manchmal dumpfe Krankenzimmer gegen den Hof auszutauschen. Mit seinem Brunnen in der Mitte, hinter dem auch der grosse, rechteckige Miststock aufgebaut war, den verschiedenen Stallungen die ihn säumten, sowie der sogenannten „Remise“. Diese war ein nur mit einem Dach überdeckter Schopf, voll von aufgetürmten alten Gerümpel, denn auf dem „Neuhof“ wurde fast nie etwas weggeworfen, man hätte es ja einmal brauchen können! Zuallerunterst stand der Pferdeschlitten, der mich magisch anzog, trotzdem ich ihn leider nie in Gebrauch gesehen hatte. Auch das Waschhaus lag an diesem Hof, und auch die Wohnung des einzigen verheirateten Onkels. Und manchmal bewirtete mich dort die Tante Fanny, die Frau dieses Onkels. Meine Mutter und die Tanten sahen das aber nicht gern. Jedesmal, nach einem Aufenthalt bei „der Fanny“, schimpften sie mich aus, weil ich die Anrede Tante gebrauchte, denn diese Ehrenbezeichnung wollten sie ihr nicht gönnen. Auch wurde ich jedesmal genau ausgefragt, über was sie mit mir denn geredet habe, ob sie etwa dies oder jenes gefragt habe, eigentlich lauter Verdächtigungen. Wie ich später dann erfuhr, war „Feuer im Dach“ wegen eines Pferdes, das mein Onkel Rudolf, eben der Mann der Tante Fanny, ohne um Erlaubnis zu fragen aus dem gemeinsamen Stall geführt und in seinen eigenen Stall gestellt hatte. „Kunststück, dass er das gemacht hat“, meinte dazu mein Vater, „der Rudolf muss ja mit diesem Pferd arbeiten, und da ist es ja mehr als recht, dass er es in seinem Stall auch selber besorgt“.

Und auch Barry’s Hundehütte stand in diesem Hof, zwischen dem Waschhaus und der Wohnung von Onkel Rudolf. an welche sich weitere Wirtschaftsräumlichkeiten anschlossen, mitsamt den Schweineställen, aus denen es schrie und quitschte, wenn die Tante Fanny sich mit dem Füllen der Schweinetröge ein wenig verspätete. Zu Barry zog es mich immer hin. Ich liebte diesen alten, treuen Hofhund, der jedesmal, wenn ich kam, mit seinen alten, staksigen Beinen, die voller Strohhalme waren, hinter seiner Hütte hervorkam um mich zu begrüssen. Aber eines Tages war da kein Barry mehr, der zu meiner Begrüssung hervorkam und freundlich mit dem langen, fransigen Schwanz wedelte. Er war alt und ist erlöst worden, sagte mir die Tante Hulda, die ebenfalls noch ledig war und im Hause, an Stelle von Grossmama, das Regiment führte. Aber ich erfuhr trotzdem, wie diese Erlösung vor sich gegangen war, denn Tante Alice, die jüngste der Schwestern, verpasste keine Gelegenheit, ihren frisch angetrauten Ehemann Emil in jeder Situation ins beste Licht zu rücken. Und so hörte ich sie bald darauf mit lauter Stimme erzählen, wie mein „Onkel Emil“, der Polizist war, die unangenehme Aufgabe übernommen habe, Barry zu erlösen. Er hatte ihn weit hinten in den Obstbaum-Garten geführt und ihn mit seiner Dienstpistole erschossen.

An einem dieser schulfreien Nachmittage, als ich ganz alleine auf dem Hof herumtrödelte weil im Hause wieder einmal etwas zerredet wurde, das nicht für meine Ohren bestimmt war, und ich den Hühnern auswich, die dort eigentlich nichts zu suchen hatten, trat mein Onkel Rudolf aus dem Pferdestall. Er beobachtete mich, wie ich es vermied, in die Nähe dieser gackernden Gesellschaft zu kommen, denn Federvieh und Vögel lösen bei mir auch heute noch ein unerklärliches Grausen aus. Vor Onkel Rudolf hatte ich mehr Respekt als vor den andern Onkels, und daher grüsste ich ihn ziemlich verlegen, auch weil er mich bei meinem Hühnermanöver beobachtet hatte.

„Na, du kleines Fräulein, was machst du?“ fragte er ganz freundlich. Ich schaute auf die grosse, aufgenähte rechteckige Tasche auf seiner blauen Arbeitsschürze aus grobem Drillich. Mitten auf dem Bauch war diese Tasche. Einen Zipfel der Schürze hatte der Onkel immer im Dreieck hochgeschlagen und seitlich eingesteckt, um unbehinderte Schritte machen zu können. „Es ist mir langweilig“ getraute ich mich zu antworten, es hörte mich ja sonst niemand. „Willst du reiten?“ Diese Frage kam für mich so unerwartet, dass ich dastand und nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Eigentlich freute ich mich darüber, aber schnell dachte ich, dass dies sicher nur eine scherzhaft gemeinte Frage war. Doch Onkel Rudolf meinte es ernst, denn er sagte: „Komm, wir gehen jetzt zusammen in den Stall zum „Fuchs“. Er nahm mein winziges Händchen in seine grosse, harte Hand und wir gingen die paar Schritte zusammen in den Ross-Stall hinein.

Und da stand der Fuchs. Riesengross und mächtig. Er schnaubte, als wir eintraten, scharrte mit einem Huf am Boden und in den wenigen Sonnenstrahlen, die den Weg in den finsteren Stall fanden, glänzten abertausende Staubpartikelchen wie Gold. Mächtig stolz war ich, dass ich auf dieses grosse Pferd sitzen durfte, als der Onkel mich hinaufhob. Aber der Fuchs hatte einen breiten Rücken, denn er war ja ein Arbeitspferd, ein stabiles, grobgebautes Ross, gewohnt, ganze Wagenladungen Quader- und Backelsteine zu ziehen. Denn der Onkel arbeitete auch im Auftrag von Bauunternehmungen als Lohn-Fuhrmann und mir wurde immer wieder erzählt, dass er die Steine für eine unserer schönsten Kirchen, die Pauluskirche in der Nähe des Bahnhofes, gefahren habe. Tonnenweise!

Oben auf dem Fuchs sass ich nun, spreitzte meine dünnen Beinchen so gut es ging, fand aber nirgends einen Halt, die Beinchen waren einfach zu kurz für diesen behäbigen Rücken. Und auch der Fuchs war es nicht gewohnt, etwas anderes auf sich zu spüren als das Zug-Geschirr und den dicken Kummet um den Hals. Er fing an, mit den Füssen zu scharren und zu wackeln, so, als wollte er etwas Lästiges abschütteln. Ich fing an zu rutschen. In meiner Angst, herunterzufallen, griff ich mit den Fingerchen in die kurze Mähne und krallte mich darin fest. Oh, hätte ich das nicht getan! Der Fuchs fing an, sich zu schütteln wie ein nasser Hund. Ich fing an, zu schreien wie am Spiess! Der Fuchs wackelte, schnaubte und schüttelte den Kopf und ich brüllte, als sei mein letztes Stündlein gekommen!

Und neben diesem „Drama“ stand mein Onkel Rudolf, in den glänzenden, schwarzen geschnallten Beinschonern, die wie Stiefel aussahen und über den Schuhen bis zu den Knien hinauf getragen wurden, den zerbeulten Hut auf den Hinterkopf geschoben, die Hände auf den Hüften aufgestützt. Und er wippte und wackelte in den Knien vor und zurück – fast wie der Fuchs – und schüttelte sich vor Lachen. Ein dröhnendes Gelächter war das, wie ich es noch nie in meinem kurzen Leben gehört hatte. Und je lauter er lachte, umso lauter schrie ich und umso heftiger bewegte sich das Ross unter mir. In dem kleinen Stall, mit seinem typischen Stroh-Heu- und Pferdebollengeruch bekam ich vor lauter Brüllen fast keine Luft mehr. Ich japste nur noch wie ein Fisch im Trockenen!

Endlich hatte der Onkel ein Einsehen. Mit dem Handrücken wischte er sich die Lachtränen von den Backen, während meine Augen buchstäblich in Tränen versanken, denn ich traute mich ja nicht, die haltgebende Mähne loszulassen. In einem grossen Bogen wurde ich dann durch die Luft gehoben und neben dem immer noch schaubenden Fuchs auf den Boden gestellt. Mir zitterten die Knie so arg, dass ich Mühe hatte, mit eigener Kraft aus dem Stall zu flüchten. So schnell ich konnte lief ich zum Brunnen und setzte mich auf dessen Rand.

Reumütig kam Onkel Rudolf ein paar Minuten später zu mir hin, streichelte mit seiner rauhen Hand, die sich wie Sandpapier anfühlte, kurz meine Wange und zog aus der rechteckigen Bauchtasche seiner Schürze einen glänzig geriebenen, rotbackigen Apfel hervor, den er mir, immer noch lachend, hinhielt.

So endete meine erste und endgültig letzte „Reitstunde“, denn seither bringen mich weder gute Worte noch sonst etwas näher als zwei Meter an ein Pferd heran. – Ich liebe Pferde, so wie alle Tiere, aber eben ..... nur von weitem !
Das ist nicht der Onkel Rudolf, damals hatte ich ja keinen Fotoapparat, das st jemand sehr bekannter!

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Letzte Änderung: von Erica.

REITSTUNDE 04 Feb 2018 19:09 #2

Ich werde nie auf ein Pferd sitzen. Ich möchte ja auch nicht, dass sich eines auf mich setzt.

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Jean-Pierre
Letzte Änderung: von jipégé.

REITSTUNDE 09 Feb 2018 09:46 #3

Endlich habe ich Zeit, Deine Abenteuer Reitstunde in Ruhe zu lesen. Sehr unterhaltsam geschrieben. Selbst habe ich nie etwas mit Pferden zu tun gehabt. Ich freue mich auf weitere Geschichten von Dir. Der Herr auf Deinem Foto scheint mir ein schwerreicher Politiker zu sein, oder täusche ich mich?

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meine Webseite : www.rinifoto.ch/

REITSTUNDE 09 Feb 2018 10:14 #4

Danke für das Kompliment. Nein, der Herr auf dem Foto ist kein Politiker. Es ist ein Mitglied des Senior Basel. Hast du den "Birswilly" nicht erkannt? Den Willy Trautwein? Ist auch schon ein sehr älteres Foto, anfangs der 2000er Jahre gemacht.
Ja, nun gehen meine Geschichten langsam zu Ende, die ich für meine Wiener Redakktorin für ihre kleine Tierzeitung geschrieben habe. Dann müsste ich wohl meinen Kopf wieder anstrengen, um Neues hervorzuholen. Aber dazu reicht es wahrscheinlich kaum noch.

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