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THEMA: Die Katzen meiner Jugendzeit.

Die Katzen meiner Jugendzeit. 13 Okt 2017 15:12 #1

Man könnte auch sagen, es war die Zeit der Emanzipation der Frauen, denn daran erkannte ich, dass es nicht nur die Katzen waren, die mich die sog. Welt im Wandel sehen liess, sondern auch alles, was mit dem Wandel der Frauen damals zu tun hatte, was hauptsächlich mit der MODE zu tun hatte. Man begegnete sei es den altmodischen Frauen und Damen, wie auch denjenigen, die Freiheiten geniesse wollten, so à l garçonne, wie es damals hiess.

Die Katzen meiner Jugendzeit

Stubentiger, so werden bei uns die Katzen oft scherzhaft genannt. Wenn man jedoch diese geschmeidigen Katzenkörper bei ihren Bewegungsabläufen aufmerksam beobachtet, dann ist die Verwandtschaft mehr als augenfällig. Und sicher könnte ein Tierpsychologe, mit einigen wenigen Sätzen, diese Verwandtschaft ganz treffend für jeden Laien aufzeigen. Nun, wie dem auch sei: Vor Katzen habe ich grossen Respekt. Sie haben Krallen, und ich erinnere mich, wie ich als Kind einmal arg erschrocken bin, als eine verspielte Katze mich unfreiwillig kratzte, wobei sie wahrscheinlich selber mehr erschrak als ich selbst, denn eine ihrer Krallen hatte sich bei mir eingehängt. Ich zog mit einem lauten „Auaaah“ so blitzschnell meinen Arm zurück, dass ihre Kralle hängen blieb. Und die arme Katze wollte ihr sonst so samtenes Pfötchen
so rasch als möglich frei bekommen. Das Resultat war ein laut brüllendes Mädchen, das auf seinen Vorderarm starrte, als bedeuteten dies paar blutenden Schrammen das Ende der Welt, oder mindestens ein Schlachtfeld erster Klasse. Und ein kläglich maunzendes Kätzchen, das, sobald es frei war, mit grossen Sätzen davon sprang, als sei ein Ungetüm von Hund hinter ihm her. Ich habe sie nie wieder gesehen, aber seither streichle ich Katzen nur noch schnell hinter den Ohren, über den Rücken inklusive steil aufgestelltem Schwanz. Das ist meist so, wenn sie sich an meine Beine schmiegen, sich daran reiben und manchmal auch abliegen und mir das Bäuchlein zum Kraulen anbieten. Aber oha! Ohren Rücken und Schwanz, ja, beim Bauch sind mir die Krallen zu nahe! Und das ist gut so, denn heute müsste ich auf ein solches Haustier verzichten, denn ich reagiere auf Katzen- oder andere feine Haare, wenn sie in meine Atemwege gelangen, mit Würg- und halben Erstickungsanfällen.

Bei den Katzen auf dem Bauernhof meiner Grossmutter drohte da keine Gefahr. Das waren alles sehr selbständige Katzen. Und sie kamen nur ins Haus, das heisst in die Küche, um zu fressen, sofern sie sich nicht schon den Bauch mit gefangenen Mäusen vollgeschlagen hatten. Aber ich erinnere mich, dass in der Küche, bei den drei Tritten zum Kämmerlein, immer die flachen Katzenteller mit ein paar Brocken standen. Und auch höherrandige Schalen mit Milch und mit Wasser. Und wenn sie in die Küche kamen, denn zu den andern Räumen des Hauses hatten sie keinen Zutritt, waren sie eher scheu. Ich habe auch nie gesehen, dass eine von ihnen gestreichelt oder hochgehoben wurde. Nur meine Mama lockte sie zuweilen mit: „Bsbsbsbsbs, Busi, komm.“ Vergebens, sie waren es nicht gewohnt. Eher das Gegenteil war der Fall. War eine Katze meiner Tante Hulda, die über Haus, Küche, Gemüsegarten und Hühnerhof regierte, im Wege, dann wurde sie ziemlich unsanft mit dem Fuss weggestossen. Ein „so, weg da, raus“ begleitete auch noch diese unfreundliche Geste. Da war es mehr als verständlich, dass die so traktierte Mietze so schnell als möglich das Weite suchte. Wo alle diese grossen, alten, jungen und kleinen Katzen ihre Bleibe und ihre Verstecke hatten, das war unmöglich festzustellen. Der Bauernbetrieb, Hof und Stallungen samt dazu gehörenden kleineren Räumen, Geräteschuppen, Hasenställen und Hühnerhof war ziemlich weitläufig. Und eine sogenannte peinliche Ordnung herrschte auch nicht überall. Im Hause selbst, ja, mit Ausnahme der grossen, dunkeln Küche mit dem riesigen Herd, auf dem auch noch mit richtigem Feuer gekocht werden konnte und der durch einen hochgewölbten Rauchfang überdacht wurde. Aber draussen, in all den ehemaligen Koben, kellermässigen Verschlägen? Da wurde einfach etwas schnell abgestellt, und, wenn man es nicht sofort wieder brauchte, vergass man es und es blieb dort liegen bis zum Sankt Nimmerleinstag! Und dort die Katzen aufzustöbern, ohne über etwas zu stolpern, und ohne dass einem ein alter Krug oder eine leere Büchse oder auch nur ein ausgefranstes Lumpenbündel auf den Kopf fiel? Das war unmöglich!

Nur von der Stallkatze wusste man genau, wo sie zu finden war: Im Stall. Und manchmal ärgerte sich mein ältester Onkel Erwin ganz schrecklich über sie. Mama und ich kamen eines abends, als wir uns auch von ihm verabschieden wollten, gerade dazu, wie er mit einem mächtigen Tritt die arme Stallkatze an die Wand schmetterte. Ich hielt mir verängstigt die Ohren zu, denn die Mietze schrie so entsetzlich „Miäääähhhh“, dass es mich schüttelte. Und dieser schreckliche Schrei verfolgte mich noch lange auf unserem Heimweg. Von Mama zurecht gewiesen mit einem: „Aber Erwin, die arme Katze, so was darfst du doch nicht tun,“ erwiderte ihr Bruder nur lakonisch: „Das Luder hat mir gerade ins Futterheu geschissen!“

So kannte ich Onkel Erwin ja gar nicht. Er sah doch immer lieb aus, mit seiner grossen Nase glich er ja fast einem Zwerg aus Schneewittchen. Und wenn wir uns von den übrigen Tanten verabschiedet hatten, stand er noch meist im Torweg bereit, mit einer Schürze, die er zum Beutel gemacht hatte und die voller Früchte war, die er Mama mitgab. Je nach Jahreszeit waren dies Mirabellen ,Äpfel, Birnen , Zwetschgen und Pflaumen, und gar Nüsse, die ich besonders liebte. „Nuss und Brot macht Wangen rot“! Dies bekam ich oft zu hören, wenn die Tüte mit den Nüssen speziell mir ausgehändigt wurde. Nie gingen wir vom „Neuhof“ weg, ohne gefüllte Tasche und manchmal zusätzlicher Papiertüte, denn Plastikbeutel gab es damals noch keine. Auch Tante Hulda, die Gestrenge, stand beim Adieusagen immer schon mit schwer beladener Schürze bereit. Im Frühjahr waren es Rhabarberstengel für Wähen, später gelbe Rübchen, Stangenbohnen, Sellerieknollen nebst Lauch und Petersilie, Rotkrautköpfe und speziell für Mama einen weissen „Kabiskopf“ den sie schon damals gerne roh verzehrte, was ja heute grosse Mode ist. Aber auch Stachel- und Johannisbeeren bekamen wir von Tante Hulda mit nach Hause, wo meine andere Grossmama die ersteren In Schnaps einlegte um sie haltbar zu machen. Aber die Hauptgabe und die am meisten geschätzte waren Eier. Frisch gelegt und sorgsam jedes einzelne in ein altes Zeitungsblatt eingewickelt. Und ein Teil dieser guten Eier, wie man sie heute kaum mehr findet, wurde dann von der italienischen Grossmutter, der nonna, zu Nudeln verarbeitet, zu breiteren für Pasta und zu ganz feinen, für Suppe.

Aber zurück zu den Katzen, die von Tante Hulda aus der grossen Küche verscheucht wurden. Als ich sie einmal fragte, wieso sie die „lieben Buseli“ so unsanft wegbugsiere, denn ich hatte dies mehr als einmal beobachtet, leugnete sie dies. Sie dachte nämlich, das würde von niemandem bemerkt. Der Grund dafür war, dass sie immer noch sehr altmodisch gekleidet daher kam. Sie und die zweitälteste Schwester meiner Mutter waren die sogenannt altmodischen Frauen der Familie Sie trugen immer noch Kleider nach der Mode, die bis kurz nach dem Kriegsende von 1918 herrschte: fast bodenlange, in der Taille angekrauste Röcke, darüber auch noch Schürzen, die mit langen, am Rücken übers Kreuz geführten Bändern zu einer grossen Masche gebunden wurden. Und jedes Mal, wenn ich, im einfachen, geraden Kleidchen und ohne Schürze aufkreuzte, wurde ich getadelt: Ohne Schürze werde ich mir das Röcklein ja schnell schmutzig machen. Mama hingegen war die modernste der Schwestern. Damals kamen gerade die Bubiköpfe in Mode, ein Haarschnitt, den die Franzosen „à la garçonne“ nannten. Und dazu gab es einen ganz neuen Kleiderstil. Herausfordernd kurze, kniefreie Röcke, mit tief auf den Hüften sitzenden, aufgenähten Gürteln die durch Steppereien verziert waren. Oft waren sie sogar ganz ärmellos Ein riesiger Kontrast zu der vorhergehenden Stoffülle. Nun, Mama hatte doch Hemmungen, mit den Kleidern so radikal umzustellen. Aber die neue Frisur, an der studierte sie andauernd herum. So ohne schweren Chignon im Nacken, das musste schön sein, und Kopfweh hätte sie dann auch viel weniger, und immer wieder deutete sie an, sie werde wohl ihre Haare abschneiden lassen. Was jedesmal mit einem Aufschrei der beiden älteren, Hulda und Elsa, quittiert wurde. Nur Alice, die von allen Aliceli, sowie Mama von allen Marilli als liebevolle Verkleinerungsform gerufen wurden, die hätte da auch gerne mitgehalten. Aber Emil, der gestrenge, patriarchalische Gemahl meiner jüngsten Tante, dessen Wort so etwas wie Gesetz für die ganzen übrigen Familienmitglieder war – ausser für Papa – schaute Mama scharf an: „Miggeleis“ - so nannte er sie – „mach mir ja Alice nicht verrückt damit!“
Aber bei Mama hatte sich dieser Gedanke schon längst festgesetzt, nur der Mut fehlte ihr dazu noch. Und ich selber drehte da auch fast jeden Tag ein wenig daran. Sah ich Mama vor dem Spiegel stehen wie sie versuchte, so etwas wie einen Bubikopf zurecht zu zupfen um zu sehen, wie das wohl ausschauen könnte, machte ich, zu ihr hingewendet, schnipp-scnapp-Bewegungen mit Zeige- und Mittelfinger. Sie verdrückte dann ein Lachen und wehrte ab, beteuernd, sie würde doch den schönen, goldblonden Zopf nicht abschneiden lassen. Und bekräftigend setzte sie noch hinzu: „Papa würde doch schimpfen!“

Mittlerweile war es Sommer geworden und ich dufte/musste zum ersten Mal weg von zu Hause, in ein Ferienlager am Meer. Für ganze vier Wochen. Das war für ein noch keine sieben Jahre altes Mädchen unheimlich weit weg und unheimlich lang. Heute ist diese Zeit zu einem ganz kurzen, kaum noch erinnerten Intermezzo zusammengeschrumpft, aus dem nur einzelne Fetzen an die Oberfläche kommen, bei geeigneten Gelegenheiten. Diese lange Zeit verging und es kam der Tag, da wir gesund und braungebrannt wieder in den Zug verfrachtet wurden, der uns zu unseren Familien zurückbrachte. Bis Mailand wurden wir von italienischen Lehrerinnen begleitet, von dort holten und Amtspersonen aus unseren Wohnorten ab für den Rest der Reise. Ungläubig starrte ich aus dem Fenster des Abteils auf den vollen Bahnsteig –es war gerade Ferragosto, 15.August und Feiertag in Italien, wo auch der ärmste Teufel, wenn immer möglich, für ein paar Tage aus der brütend heissen Stadt wegfährt – als ich dort Papa erblickte. Er war mitgekommen, um uns abzuholen. Meine Freude war unbeschreiblich, aber dieser Tag sollte noch mehr an Überraschungen bereit halten. Am Bahnhof angekommen erwartete uns dort Mama und alle drei zusammen fuhren wir auf dem schnellsten Wege in unsere Wohnung zum Ausruhen. Etwas kam mir jedoch komisch vor: die ganze Zeit über hatte Mama einen Hut auf dem Kopf, sie, die sonst Hüte nicht so gerne trug, nicht einmal im Winter. Und zu Hause drehte sie sich immer auf eine umständlich Art, so dass sie und immer das Gesicht zuwandte und sie stellte sich auch mit dem Rücken zu einem Fenster oder zu einem Möbelstück, wenn sie mit uns sprach. Und dann hielt sie es nicht mehr aus: „Seht ihr nichts?“ fragte sie Papa und mich. Wir verneinten. Sie fragte erneut. Da schaute ich genauer hin und da sah ich es: „Der Bips ist weg, der Bips ist weg“! schrie ich voller Begeisterung. Und wirklich. Mama hatte die kurze Abwesenheit Papa’s benutzt, war beim Coiffeur gewesen und hatte sich die Haare schneiden lassen. Nicht gerade à la Garçonne, so extrem nun doch nicht, aber sie hatte eine einfache, damals moderne Wasserwellenfrisur. Und – was die Hauptsache war – diese Haartracht gefiel auch Papa. Und kaum ein paar Wochen später tauchte eines Nachmittags auch Tante Aliceli bei uns auf, drehte sich triumphierend vor uns im Kreise und hatte ebenfalls eine Kurzhaarfrisur. Das ungläubige Staunen meiner Mutter begleitete sie mit dem Worten: „Emil hat mir eigenhändig den Zopf abschneiden müssen. Jetzt kann er nicht mit mir schimpfen!“

In diese Zeit der modischen Erneuerungen, als die alten Usanzen langsam zurückwichen und neuen Verhaltensweisen Platz machten, als zwar die Kinder immer noch zusammenliefen, wenn ein Auto in unserem Wohnviertel vor einem Hause anhielt, und als der Zeppelin seine Reisen über den Atlantik unternahm und dabei genau bei unserem Quartier über den Rhein flog und alles am Rheinufer zusammen rannte, um ihn über dem Fluss besser betrachten zu können, in dieser Zeit traf auch Tito, der schwarze, halbwilde Kater bei uns ein. Und er wurde unser Dauergast.

Tito wohnte mit einem Ehepaar und dessen Dienstmädchen in einem schönen, vornehmen Haus auf der andern Seite des Rheins, an der dortigen Rheinpromenade.Von den Fenstern dieses Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht auf den Münsterhügel mit dem altehrwürdigen Münster und auf die gegenüberliegende Rheinpromenade, mit einer einmaligen Silhouette von malerischen, engbrüstigen alten Häusern, die teilweise älter als 300 Jahre sind. Und auch auf eine ziemlich einmalige Möglichkeit der Überquerung des Rheins mit einer Fähre, die eilige Leute, die den Umweg über die Brücken nicht machen wollen, von einem Ufer zum andern bringt. Vier solche Fähren gibt es im Stadtgebiet. Fast wie die Gondeln in Venedig sehen sie aus, mit einem überdachten Teil der bei schlechtem Wetter vor Regen schützt. Sie hängen an einem langen starken Fährseil, und dieses läuft mit Rollen über ein dickes Kabel, das an beiden Ufern an sehr hohen Eisenbetonmasten befestigt ist. Sie brauchen weder Benzin noch Elektrizität: das Wasser, die Strömung, sorgt dafür, dass sie, z.B. bei höherem Wasserstand, sehr schnell am andern Ufer ankommen. Alles was der Fährmann machen muss, ist, das Fahrtgeld einkassieren und den „Bengel“ herumwerfen. Das ist der Teil des Seiles, der durch ein stabiles Eisenstück direkt mit dem Schiff verbunden ist. Dies ändert dann die Lage der Fähren-Nase in Bezug auf die Strömung, und dann geht es eben von rechts nach links, anstatt wie vorher von links nach rechts über den Rhein. Und aufpassen natürlich, dass niemand Unfug treibt und dass nicht gerade ein Rheinschlepper daher kommt, denn dann gäbe es ein Unglück.

In dieses vornehme Haus, wo Tito einst als Findling, arg zerschunden, gepflegt wurde und Aufnahme fand, zog auch eine Familie mit einem grossen, reinrassigen Schäferhund. Es gab fortan zwischen den beiden Tieren andauernd Händeleien, die nicht ohne wütendes Bellen und Geknurre abliefen bei jeder Begegnung. Das wiederum passte den Bewohnern nicht und Tito, der ja nur ein „Zugelaufener“ war, musste weichen; er landete bei uns. Anfänglich liess er sich kaum anfassen, und er war auch lieber draussen als im Hause. Mit der Zeit brachte es Mama dazu, dass er sich hochheben liess, er streckt aber seine Beine so starr von sich, als wären sie ohne Gelenke, und auf den Schoss bei ihr wollte er sich auch nicht setzen. Also liessen wir ihm seine Macken. Nur gut, dass wir im Parterre wohnten und eine Terrasse hatten, von der aus Tito ohne weiteres mit einem Sprung im kleinen Garten landen konnte. Im Winter war er zwar weniger oft draussen. Und an den sehr kalten Wintermorgen kam er gerne in mein Zimmer, wo ich ihn unter der Bettdecke versteckte, wenn ich aufstehen musste um zur Schule zu gehen. Ich baute ihm damit eine Höhle, wo er behaglich drin schlafen konnte, bis Nonna kam, um mein Bett zu lüften. Wenn ich auch zu Hause war, also nur am Sonntag, tat sie dann immer so, als erschräke sie fürchterlich ob diesem schwarzen Kater in meinem Bett und zu meiner Gaudi schimpfte sie dann auf italienisch los: „via via, brutto gatto nero come il diavolo!“ Aber Tito war zwar schwarz, aber schön war er trotzdem und ein Teufel war er auch nicht.

Dann, nach ungefähr zwei Jahren, zogen auch wir wieder um. Diesmal nicht ins Erdgeschoss; nein, die neue Wohnung lag im obersten Stock eines Hauses. Und sämtliche Fenster dieser neuen Wohnung lagen oberhalb der Dachrinne. Aber sie waren alle gleich und auch viel grösser, als gewöhnliche Mansardenfenster. Allerdings war da keine Terrasse mehr, von der aus Tito in den Garten gelangen konnte. Aber irgendwie würden wir es schon fertigbringen, dass er zu seinen gewohnten Herumvagieren kam. Und das klappte auch. Im Sommer liessen wir ihn hinaus, und da konnte er einen ganzen Nachmittag selig unter den dichten buschigen Hortensionstöcken schlafen, wo es für ihn schön kühl war. Aber einen schönen Schrecken hat er Mama und mir eines nachts eingejagt. Wenn Papa manchmal über Nacht fortbleiben musste, weil er seine Geschäfte nicht am gleichen Tag alle abwickeln konnte, dann durfte ich in seinem Bett neben Mama übernachten. Und im Sommer liessen wir immer die Fenster sperrangelweit offen. So hoch über dem Erdboden, und erst noch oberhalb der Dachrinne, würde wohl niemand die Gelegenheit benutzen, um einzusteigen.. Doch mitten in der Nacht erwachten wir einmal fast gleichzeitig und fuhren verdutzt aus dem Schlaf: Jemand schnaufte und mampfte ganz dicht bei uns und sehr laut und vernehmlich. Wir horchten: es „kätschte“ andauernd, wie Mama dieses Geräusch nannte, wenn jemand beim Essen so richtig genüsslich schmatzte. Auf den Zehenspitzen schlichen wir uns ans Fenster, denn von dort schien diese „Kätscherei“ zu kommen. Wir sahen aber nichts. Dann lehnte sich Mama weit hinaus und lachte laut auf. In der Dachrinne, aber dicht an der Hauswand, sass Tito und kaute an irgend etwas herum, das er entweder gefunden oder gefangen hatte: wahrscheinlich hatte er einen Vogel im Schlaf überrascht. Und von da an hatte er seinen zweiten Namen weg: Dachhase hiess er von nun an auch.

Und unser Dachhase war ein richtiger Fleischfresser. Wann immer vorrätig, brachte Mama ein Stück Herz und auch Lunge von der Metztgerei für ihn mit nach Hause. Das bekam er dann roh. Als sie einmal dabei war, sein Stück Lunge in kleine Happen zu schneiden, flog ein solcher Happen vom Schneidebrett weg und direkt an die geplättelte Küchenwand. In ungefähr einem Meter Höhe blieb der Happen kleben, und Tito, der das auch gesehen hatte, machte sich sofort daran, diesen klebrigen Fleischklumpen mit seinen Pfoten von der Wand zu häkeln. Das war so lustig anzuschauen, dass Mama ihn gewähren liess. Zerkratzen konnte er ja nichts und die Kacheln konnte man nachher wieder sauber abwaschen. Und diesen Spass wiederholten wir noch oft, denn es war zu lustig, zuzuschauen, wie die Katze sich streckte und wie ihre Augen funkelten dabei, und erst recht, wenn er den Happen siegreich davontragen konnte. Doch wenn es am Freitag Fisch gab, dann war Tito überhaupt nicht mehr aus der Küche zu bringen, er, der doch früher kaum im Haus bleiben wollte. Fisch zu braten war die Aufgabe von Nonna; sie konnte das viel besser als Mama .Und Nonna machte es auch gerne, weil sie eigentlich immer gerne kochte und dann betonte, wenn sie einmal nicht mehr sei, würden wir nur ganz miserabel essen! Dies mit einem Seitenblick auf Mama, die dann bitterböse zurückblickte, denn ihr gerieten die italienischen Rezepte immer noch nicht so perfekt, wie sie es gerne gekonnt hätte.

Nonna entnahm dem Papier also die grossen Scheiben Kabeljau, wendete sie sorgfältig im Mehl und – wenn das Öl heiss genug war - legte sie sie vorsichtig in die Eisenpfanne . Im Grunde genommen das einfachste von der Welt. Aber manchmal blieb eine dieser Kabeljau-Tranchen kleben und zerfiel dann beim Wenden, und wenn man sie nicht wieder einigermassen ansehnlich zusammen schaufeln konnte, machte Nonna kurzen Prozess. Sie wanderte in Tito’s Katzenteller. Und der sass ja schon lange bereit und starrte Nonna unenwegt an, als könne er mit seinem Blick Einfluss auf die Braterei nehmen – zu seinem Vorteil natürlich. Und dann war in Nullkommanichts die ganze missratene Fischtranche weg, in seinem Bäuchlein verschwunden und man konnte nur noch zuschauen, wie er sich zufrieden putzte. Einige Jahre verstrichen so – sicher angenehm – für Tito, der früher eine arme heimatlose Katze war. Aber dadurch wussten wir auch nicht, wie alt er wirklich war. Doch allmählich merkten wir, dass er wirklich schon sehr lange auf seinen vier Pfoten durch unsere Welt gewandert sein musste; er wirkte müde, blieb immer länger im Hause und man durfte ihn endlich auch en wenig streicheln, ihn hochheben und an ein bequemes Plätzchen tragen. Und ich „opferte“ sogar meinen Puppenwagen samt Kissen, um ihn darin in unseren langen Flur, der die Wohnung in zwei Fronten teilte, spazieren zu fahren.

Doch der Tag kam, an dem Papa sich entschloss, Tito von seinen Beschwerden befreien zu lassen. Damals brachte man ein altes krankes Haustier nicht zum Arzt, der es mit einer Spritze erlösen konnte: der letzte Weg war der in die Wasenmeisterei. Und dort wurde Tito in eine kleine Zelle gelegt, man liess Gas einströmen.......... Und draussen musste Papa zuschauen, wie unser Tito, den wir in all den Jahren liebgewonnen hatten, unsere Welt für immer verliess

Erica Zet.

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Die Katzen meiner Jugendzeit. 14 Okt 2017 11:56 #2

Danke für Deine kurzweilige Geschichte aus früheren Zeiten, Erica !

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Jean-Pierre
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